06.10.2011, Fabrice Müller
Gärten der Gesundheit
Mit Geduld, Wissen und geschultem Blick lassen sich in der Natur jede Menge Heilkräuter und Arzneipflanzen entdecken. Es gibt sie aber auch als begehbare Ausstellungen: Oasen der guten Pflänzchen sind etwa der Homöopathie-Garten in Zug und der Arzneipflanzengarten in Zeiningen.
Allein die Namen der Pflanzen lassen das Leiden vergessen: Bei der Heilpflanze Hamamelis spricht der Volksmund von der virginischen Zaubernuss. Deren frische Rinde von blühenden Zweigen und auch die Wurzeln lassen sich als homöopathisches Präparat bei Prellungen und Blutungen einsetzen. Wohlklingend ist auch die Volksbezeichnung der Arnica, einer der bekannteste Heilpflanzen in der Homöopathie: Bergwohlverleih. Es ist das Mittel erster Wahl bei den meisten Verletzungen, wirkt zudem gegen Schock, Schmerzen, Blutung und Infektion. Ob man dagegen dem Gemeinen Stechapfel, auch Stramonium genannt, trauen kann? Die Homöopathie bedient sich der frisch blühenden Pflanze beispielsweise bei hyperaktiven oder ängstlichen Kindern mit Konzentrationsstörungen. Eine zwielichtige Figur scheint beim ersten Hinhören auch der bittersüsse Nachtschatten zu sein. Doch das täuscht: In der Homöopathie hilft die als Dulcamara bekannte Pflanze bei Blasenentzündungen nach Unterkühlung und Schwitzen.
Heilkräuter-Inseln Natürlich trifft man im Garten der Hoöopathie-Schule in Zug nicht nur auf Zauberpflänzchen und zwielichtige Gestalten. Der erste Garten dieser Art in der Schweiz wurde 2005 eröffnet und zeigt rund 120 homöopathische Pflanzensorten, die in insgesamt 16 homöopathische Anwendungsgebiete geordnet sind – von «Fieber», «Mann», «Frau», Kinder» über «Herz» und «Haut» bis zu «Atemwege», «Auge» und «Verletzungen». Wie Inseln mit weichen Konturen liegen diese Pflanzenbeete im Kies. Diese organische Gestaltung entspricht der ganzheitlichen Denkweise der Homöopathie.
Neben der Wirkung faszinieren viele der homöopathischen Pflanzen auch ihrer Schönheit wegen. So etwa die Wiesenküchenschelle mit der glockenförmigen Blüte und den vielen leuchtend gelben Staubgefässen. Mit ihren grossen, gelb leuchtenden Blüten und den mehrfach fadenförmig gefiederten Blättern fallen die Frühlings-Adonisröschen auf. Die Homöopathie setzt sie zum Beispiel bei Herzbeschwerden ein. Eine ganz besondere Schönheit in diesem Garten ist die speziell zu Ehren von Doktor Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, gezüchtete Rose. Sie besticht durch ihre zarte rosa Farbgebung und den Duft, der an Zitrone erinnert.
Arznei aus dem Jurapark Erst ein Jahr alt ist der Arzneipflanzengarten der Bauernfamilie Senn in Zeiningen (AG). Der 400 Quadratmeter grosse Garten wurde in Zusammenarbeit mit dem Jurapark Aargau initiiert und umfasst rund 150 wissenschaftlich untersuchte Heilpflanzen. «Viele der Arzneipflanzen sind Wildkräuter und daher in Gärten, auf Wiesen und an Waldrändern anzutreffen», sagt Silvia Senn. Eine Ausnahme bildet die seltene Arnica Montana, die kein kalkhaltiges Wasser verträgt, vor allem in Kiesböden gedeiht und daher relativ heikel ist. Im Arzneipflanzengarten der Familie Senn hat das Pflänzchen kürzlich Wurzeln geschlagen.
Dann treffen Besuchende hier aber auch auf altbekannte Gewächse wie etwa den Löwenzahn. Er werde oft unterschätzt, sagt Silvia Senn. Zu Unrecht: Mit seinen Bitterstoffen wirkt er bei Verdauungsbeschwerden und regt die Drüsen an. Im Frühling können seine Blätter und Blütenknospen geerntet und zu einer Tinktur mit Alkohol verarbeitet werden. Über viele Gerbstoffe verfügt der Blutwurz, eine wie der Löwenzahn sehr unkomplizierte Pflanze, die das Wasser in Speicherwurzeln lagert. Sie wirkt gegen Durchfall, zieht Wundränder zusammen und wird ebenso bei Zahnfleischbluten eingesetzt.
Gute Wucherpflanze Auch den Knoblauch trifft man im Arzneipflanzengarten an. Mit seinen ätherischen Ölen senkt er Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin. Zudem fördert er die Verdauung, heilt Wunden und wirkt gegen Fusspilz. «Der Knoblauch braucht viel Sonne. Er wird im Herbst gesetzt und kann im Spätsommer jeweils vor einer längeren Regenperiode geerntet werden», so Silvia Senn.
Zwar etwa abschätzig als Wucherpflanze bezeichnet, habe zudem die Zitronenmelisse durchaus ihre guten Seiten: Sie beruhigt die Verdauung wie auch das psychische Befinden. Wird sie im Tee genossen, sollte sie nicht länger als zehn Minuten gezogen werden, sonst kann sie im Extremfall Schläfrigkeit bis hin zu Ohmacht auslösen. Häufig im Jura anzutreffen ist der gelbe Enzian. Er liebt kalkhaltige Böden und wird – dank seiner verdauungsfördernder Wirkung – zu Enzianschnaps verarbeitet. Na dann, Prost!
www.shi.ch www.jurapark-aargau.ch